Wie die Bremer Stadtmusikanten zu Ruhm gelangten

Hund und Katze klatschen sich ab, weil sie die Räuber erneut in die Flucht geschlagen hatten. Der Esel ließ ein lautes „Iah, Iah!“ vernehmen, der Hahn krähte, obwohl der Morgen noch längst nicht angebrochen war. Dann legten sie sich auf die faule Haut und feierten ihren Erfolg, indem sie bis in den späten Vormittag hinein schliefen.

Doch die Zufriedenheit währte nicht lange. Als Erster maulte der Hahn: „In dieser Bruchbude zieht es derart, dass meine Schwanzfedern ganz durcheinander geraten.“ Der Esel steckte seinen Kopf zum Fenster herein, bei dem die Glasscheibe fehlte, und wandte sich an den Hahn: „Tu nicht so, als könntest du wie ein Pfau ein Rad schlagen. Deine Federn sahen gestern schon reichlich gerupft aus. Mir gefällt es hier, auch draußen.“ Dann holte er vernehmlich Luft und fuhr fort: „Nur das Essen wird knapp. Ich schlage vor, du, schlauer Hund, machst dich mal auf Beutezug. Irgendwo wirst du schon was Genießbares oder gar Genüssliches für uns auftreiben.“ Bei dieser Vorstellung leckte sich die Katze voller Vorfreude das Schnäuzchen und rollte sich vor dem Feuer zusammen. Mit Bedauern stellte sie jedoch fest, dass es nicht mehr so wohlig wärmte wie noch am Vortag.

Der Hund hatte erst so getan, als habe er den Esel nicht recht verstanden, doch als dieser ihn noch immer auffordernd in die Augen blickte, reichte es ihm und er bellte in die Runde: „Pass mal auf, du alter Grauer, ich bin hier nicht euer Diener! Entweder kümmern sich alle um was Essbares oder das war’s mit der Freundschaft und der Musik und mit Bremen.“ Mit diesen Worten hatte der Hund alle erschreckt und nachdenklich gemacht.

Für einen Augenblick herrschte Ruhe. Dann richtete sich das Kätzchen auf und meinte versöhnlich: „Bevor wir mit den Proben beginnen und dann weiterziehen, sollten wir uns gut stärken. Der Hund hat aber Recht, jeder muss seinen Teil dazu beitragen. Ich hab eine tolle Idee, wir gründen eine WG.“ Sie machte eine Kunstpause, um das Gesagte wirken zu lassen. Dann blickte sie erwartungsvoll von einem zum anderen und sprach selbstbewusst weiter: „Und wie ihr merkt, bin ich besonders fürs Reimen geschaffen. Eben jeder nach seinen Fähigkeiten.“ Der Esel verdrehte die Augen und sagte: „Madonna! An Lyrischem haben wir keinen Bedarf, denn erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ – „Kikereki!“, krähte der Hahn, „der Satz stammt aber nicht von dir. Du schmückst dich mit fremden Federn.“ – „Wenn schon, mit fremdem Fell“, erwiderte verdrossen der Esel, der gern das letzte Wort hatte.

Und erneut wurde es dem Hund zu viel und er bellte noch lauter: „Schluss mit dem Geplänkel! Wir haben nicht alle Zeit der Welt. Schon vergessen, wir wollen eine Band gründen und nach Bremen?! Dennoch ist die Idee der Katze nicht schlecht, funktioniert aber nur, wenn hier alle – ich betone: alle – an einem Strang ziehen und was Nützliches tun!“ Mit einem tiefen Seufzer legte er sich hin, den Kopf auf die Pfoten platziert, denn das Reden hatte ihn angestrengt. Kurze Zeit darauf sprang er aber wieder auf, hob den Kopf und ließ mit entschlossener Stimme verlauten: „Also, du, lieber Esel, machst dich mit mir auf und wir suchen einen Karren. Ich übernehme es, bei den Bauern Holz und Essbares zu stibitzen. Das kriege ich trotz meines Alters noch hin. Dann packen wir die Beute auf den Karren und du ziehst ihn gefälligst nach Hause. Katze, du hast dich schon bei deinen Herrschaften als Feinschmeckerin hervorgetan und wirst die Sachen zubereiten, und zwar so, dass sie uns allen schmecken. Denk daran, der Graue ist Vegetarier. Und der Herr dort, der mit seinem falsettartigen Kikeriki meint, er gäbe hier den Ton an, stellt sich aufs Dach und hält Wache, dass uns nicht wieder die Räuber in die Quere kommen. Und sollte sich doch einer von den Banausen blicken lassen, dann krähst du aus vollem Hals.“

Der Hund hatte sehr entschieden gesprochen, sodass die Katze entgegen ihrem Temperament scheu fragte: „Und was ist mit der Band, die wir gründen wollen, um den Bremern mal zu zeigen, was eine coole Mucke ist?“ – „Kommt alles. Du hast doch selbst gesagt, wir müssen erst mal wieder zu Kräften kommen, damit wir auch einen erstklassigen Auftritt hinlegen können. Die Leute in Bremen sind anspruchsvolle Hanseaten, nicht so sehr wie die in Hamburg, aber auch nicht leicht zufriedenzustellen.“

Der Esel nickte zustimmend und wackelte aufgeregt mit den langen Ohren. „Hamburg, das wär’s gewesen. Die Stadt der Beatles. Die haben dort angefangen, als sie noch ganz jung waren und sie niemand kannte.“ Der Hund lachte nur und meinte: „Vergiss die Beatles! Die Rolling Stones waren letztes Jahr in Hamburg und haben den Stadtpark gerockt. Ich war dabei, weil mein Herr unbedingt hin wollte. Das war eine grandiose Show, sage ich euch. Das sind unsere Vorbilder, denn wir Alten sind es, die die Massen in Begeisterung versetzen. Ich verspreche euch, wir rocken den Bürgerpark. Und nun los, lasst uns was zu essen besorgen!“

Der Hund hatte es geschafft, alle zu motivieren. Und so ging er mit dem Esel auf Beutezug. Die Katze grübelte, wie sie das Essen zubereiten würde, der Hahn stellte sich aufs Dach und schaute aufmerksam in die Gegend, ob Gefahr drohte und auch ob Hund und Esel zurückkämen.

Wann Hund und Esel wieder zum Haus zurückgefunden haben, ist so genau nicht mehr zu sagen, auch nicht, wie lange die vier alten Tiere brauchten, um zu proben. Es schien, als würden sie nie müde, die Songs einzustudieren. Der schlaue Hund, der Bandleader, mahnte auch stets zur Eile. Und eines schönen Tages war es dann so weit. Sie verließen das Haus und machten sich auf den Weg nach Bremen.

Dort angekommen, trauten sie sich aber nicht, ihre einstudierten Songs zum Besten zu geben. Kaum zu glauben, aber die vier hatten Lampenfieber. Also ließen sie sich nur des Nachts im Bürgerpark hören, wenn kein Mensch mehr dort war. Doch ihr Gesang schallte über die ganze Stadt. Die Bremer in ihren vornehmen Villen und auch die in den schlichteren Wohnungen, die noch wach waren, horchten verwundert auf und fragten sich, wo denn dieser wundersame Gesang herkäme. Da sich das Konzert Abend für Abend wiederholte, wurde es bald zum Stadtgespräch. Im Nu waren sich die Bürger einig, dass es ihre Stadt war, die den Schlüssel nicht nur im Wappen trug, sondern ihn auch zu nutzen wusste, um die fantastischsten Musiker hören zu können, und das kostenlos für alle, jede Nacht.

Ein wohlhabender Kaffeeimporteur, den Musik sonst nicht die Bohne interessierte, sagte zu seiner Gattin: „Hörst du diese berührende Musik? Wüsste ich, von wem sie stammt, ich würde mich nicht knauserig zeigen und den Sängern ein Denkmal errichten lassen, direkt bei unserem Rathaus.“

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